Synopsis
Der Rassismus ist und bleibt ein aktuelles Thema. Der Umstand, dass in der Reihe „C.H. Beck Wissen“ nun eine knappe und preiswerte Übersichtsdarstellung seiner Geschichte erschienen ist, bedarf somit keiner weiteren Begründung. Das Buch des Koblenzer Juniorprofessors Christian Geulen folgt dabei denjenigen Überblickswerken, die sich nicht auf die Moderne beschränken, sondern auf der Suche nach rassistischen Diskursen und Praktiken einen weiter zurückreichenden, wenn auch eurozentrischen Zugriff wagen.In der Einführung befasst sich Geulen mit der Problematik einer Definition des Rassismusbegriffs und verwirft Begriffsbestimmungen, die den Rassismus als Weltbild betrachten, wie auch solche, die ihn als Erklärung für radikale und gewalttätige Praktiken heranziehen, als „Leerformeln“. Demgegenüber sei es „sinnvoller, den Rassismus nüchtern und zugleich genauer als einen Versuch zu verstehen, in Zeiten verunsicherter Zugehörigkeit entweder hergebrachte oder aber neue Grenzen von Zugehörigkeit theoretisch zu begründen und praktisch herzustellen“ (S. 11f.). Diese Begriffsbestimmung macht einerseits die Verknüpfung von Diskurs und Praxis zu einem definitorischen Merkmal des Rassismus – und engt diesen damit wesentlich ein –, verzichtet aber andererseits darauf, die Zugehörigkeitskriterien inhaltlich zu bestimmen – womit der Rassismusbegriff umgekehrt beinahe beliebig dehnbar wird. Auf diesen Definitionsversuch folgen Ausführungen zur Begriffsgeschichte von „Rasse“, die sich im Wesentlichen auf Werner Conzes Artikel in den „Geschichtlichen Grundbegriffen“ stützen.Die chronologisch angelegten Kapitel beginnen mit der Antike, für die Geulen die Identitätskonstruktionen bei Griechen und Römern und die Wahrnehmung der „Barbaren“ anhand von Kosellecks Konzept „asymmetrischer Gegenbegriffe“ analysiert und zu dem Schluss gelangt, dass von einer Geburt des Rassismus aus dem Geiste der Antike keine Rede sein könne. Auf das altindische Kastenwesen, das etwa Imanuel Geiss in seinem Überblickswerk als wichtigen Teil der „weiteren Vorgeschichte“ des Rassismus behandelte[1], weist Geulen nicht hin. Für das Mittelalter sieht er sodann ein Fortwirken der asymmetrischen Weltwahrnehmung, wobei an die Stelle der „Barbaren“ die Nicht-Christen getreten seien.Entscheidend für die Herausbildung des Rassenbegriffs waren dann vier Umwälzungen des 15. und 16. Jahrhunderts, nämlich die europäische Expansion, die Reformation, die Innovation des Buchdrucks und die Herausbildung einer sich von der Theologie emanzipierenden Wissenschaft. Hinzu kam der Abschluss der „Reconquista“ in Spanien, in deren Endphase sich das Konzept der „limpieza de sangre“ („Reinheit des Blutes“) herausbildete, das die Möglichkeit der Konversion als Zutritt zur Mehrheitsgesellschaft konterkarierte. Der Beitrag der europäischen Expansion zur Geschichte des Rassismus lag primär in der Institution der transatlantischen Sklaverei – deren „endgültiges“ Ende Geulen fälschlicherweise bereits mit dem Sezessionskrieg und nicht erst mit der zwei Jahrzehnte später erfolgten Emanzipation in Brasilien und auf Kuba ansetzt (S. 42) –, während sich die entstehende Wissenschaft im Bemühen, das wachsende Wissen über fremde Länder und Menschen zu ordnen, zunehmend des Rassenbegriffs bediente.Der Abschnitt über das 18. Jahrhundert und die Aufklärung startet mit Henri de Boulainvilliers’ 1727 formulierter Vorstellung, dass in Frankreich Adel und Volk zwei völlig getrennte Rassen seien. Damit, so Geulen, war die Idee eines ewigen Kampfes zwischen antagonistischen Großgruppen geboren, die in den modernen Weltdeutungen immer wieder aufgegriffen wurde. Als für die Geschichte des modernen Rassismus wesentliche Entwicklungen sieht Geulen sodann den Übergang vom Denken in asymmetrischen Gegensatzpaaren zu einem auf den Menschheitsbegriff fokussierenden radikalen Universalismus, bei dessen Zugehörigkeitsbestimmung es kein Außen mehr gibt, und die Faszination, die der Rassenbegriff auf die Gelehrten ausübte – wegen seines Versprechens, eine von den Lehren der Kirche unabhängige Ordnung der Welt und der in ihr lebenden Menschen beschreibbar zu machen.In zwei Kapiteln zum 19. Jahrhundert befasst sich Geulen zunächst mit der Etablierung des Evolutionismus und der Verbreitung von Theorien über Rassenkampf, Rassenmischung und auch Rassenerzeugung. Der Schritt zur Eugenik wandte laut Geulen „den Rassendiskurs wie auch die ihn begleitenden Praktiken ins Totalitäre“ (S. 74). Entscheidend für die Entwicklung im 19. Jahrhundert sei gewesen, dass aus dem Rassismus weniger eine in sich geschlossene Ideologie wurde als „ein zunehmend abstraktes und andere politische Ideologien häufig überformendes Prinzip“; der Rassenbegriff passte „zu den komplexer werdenden Sozialformationen des 19. Jahrhunderts wie der ideologische Schlüssel ins ordnungspolitische Schloss“ (S. 75). Als Formen rassistischer Praxis im 19. Jahrhundert genauer analysiert werden die Verknüpfung des Rassismus mit Nationalismus und Kolonialismus ...
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