Publication Date: 1744
Seller: Antiq. F.-D. Söhn - Medicusbooks.Com, Marburg, Germany
Nürnberg, Bey John. Adam Stein und Gabr. Ric. Rasppe, 1744, Kl.8°, Frontispiz, (10), 52 pp., feiner Pappband im Stil d.Zt. Selten - Dritte Auflage der "Allgemeine und besondere Regeln von den Urin unbetrüglich zu urtheilen ; Allen Liebhabern der heylsamen Artzney-Kunst zu desto glücklicher Curirung der Krancken Höchstnöthig und höchstnützlich nicht nur aus bewehrten Scribenten, sondern vornehmlich aus langwieriger und gewisser Erfahrung hergenommen, und dem Nechsten zum Besten mitgetheilet / Von Hygiandern." "Nur ganz langsam verlor die Harnschau in der ärztlichen Medizin ein Stuck weit ihre diagnostische Schlüsselstellung. Noch um1700 verdammte der berühmte Hallenser Medizinprofessor Friedrich Hoffmann zwar lautstark die "empirische und weissagerische Kunst" der ungebildeten Harnschauer. Zugleich betonte er jedoch die wertvollen Dienste welche die Harnschau in den Händen eines erfahrenen Arztes bei der Diagnose akuter wie chronischer Krankheiten leiste. In diesem Sinne beschrieb eine Gruppe von Breslauer Ärzten in jenen Jahren aus eigener praktischer Erfahrung die typischen Veränderungen des Harns, beispielsweise bei der Wassersucht und bei Hysterikerinnen und überhaupt bei Patienten mi spasmodischen, krampfhaften Beschwerden wie Asthma und Epilepsie. Viele meinten "man könne nichts gewisses aus den [sic] Urin urtheilen", erklärte .Hygiander in einer erstmals 1720 erschienenen Schrift. Aber wenn sie bei der Harnschau zu trügerischen Urteilen gelangten, dann liege das vor allem daran, daß sie die nötigen Maßregeln nicht beachteten und falsche Ruckschlusse zögen." "Selbst Hermann Boerhaave, im frühen 18. Jahrhundert einer der bekanntesten und einflußreichsten Vertreter einer neuen, empirisch orientierten klinischen Medizin, wußte bei aller Skepsis die Aussagekraft der Harnschau in bestimmten Fällen zu schätzen. Wenn er am Krankenbett angesichts der vielfältigen vom Patienten beklagten Beschwerden unsicher sei, welche Symptome vorherrschten, so verriet er seinen Studenten" so beschau und erwäge ich unter der Hand den Harn - und ich habe auf der Stellte was ich suche." Der Harn, so erklärte er an anderer Stelle, gebe nicht nur Aufschluß über die Krankheiten der Nieren, der ableitenden Harnwege und der Samengefäße und mancher Krankheiten, die ihren Ursprung in der Galle hatten. Auch die Natur, der Impetus und die Symptomata des Bluts, der Status der Krankheit. Krankheitskrisen, Verkochung und Sekretionen ließen sich aus dem Harn erkennen. Dinge, die im damaligen Krankheitsverständnis eine zentrale Rolle spielten." Michael Stolberg, Die Harnschau: eine Kultur- und Alltagsgeschichte (2009), pp.35-36 Osler No.3046.